Das Impulspapier der SPD „Sichere Soziale Medien” vom 15. Februar 2026 ist aus Sicht der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) begrüßenswert, da es wichtige Punkte adressiert, wie auch gleichzeitig problematisch, weil es andere unerwähnt lässt oder ihnen zu wenig Gewicht verleiht.
Diese Beobachtung teilen wir nicht alleine und schließen uns daher im Hinblick auf medienbildende Kontexte der Stellungnahme der GMK an, möchten aber noch einige Aspekte aus medienwissenschaftlicher Sicht betonen und hinzufügen. Denn: Medien sind nicht neutral; sie prägen von Kindheit an unsere Wahrnehmung und Meinungsbildung, das gesellschaftliche Leben und politische Entscheidungen, persönliche und kollektive Identitäten, individuelle Erinnerungen und kulturelles Gedächtnis.
Medien sind kulturstiftend: Die Formung einer (Bildungs-)Kultur vollzieht sich in einem engen Wechselverhältnis mit Medien. Kulturen, und (formelle, informelle, schulische und außerschulische) Lernkulturen im Besonderen, sind ohne Kenntnis und Analyse deren medialer Formate nicht restlos erschließbar, und mediale Techniken werden sowohl zu Instrumenten als auch zu Quellen (bildungs-)kultureller Praxis. Ein differenzierter und reflektierter Umgang mit allen Medien gehört unweigerlich zur Medienbildung.
Wir unterstützen das Bestreben, Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum für die Interaktion mit sozialen Medien anzubieten, sprechen uns allerdings gegen pauschale Verbote aus.
Regulierung der Plattformen und Opt-In-Verfahren hinsichtlich algorithmischer Personalisierung für alle sind tragfähige Lösungsvorschläge. Würden diese Maßnahmen konsequent umgesetzt, wäre eine Altersverifizierung über die EUDI-Wallet – grundsätzlich ein sinnvolles Konzept, das aber auch viele Barrieren aufbaut, da nicht alle in der Lage sein werden, es einzurichten und zu nutzen (vgl. die Debatte um die digitale Spaltung auf mehreren Ebenen) – nicht mehr notwendig, sondern könnte durch andere, wie z.B. durch die Pflicht, hinreichend komplexe Rechenaufgaben zu lösen, erweitert werden.
Hinsichtlich der Forderung, eine stärkere Förderung von Medienbildung und Medienkompetenz zu fokussieren, schließen wir uns der Position der GMK an. Hier ist aus medienwissenschaftlicher Sicht zu betonen, dass die Reflexion medientechnischer und -kultureller Voraussetzungen unabdingbare Grundlage für jedwede Medienkompetenz darstellt.
Dazu gehört, erstens, anzuerkennen, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene in ihren Selbst- und Weltverhältnissen immer schon von Medien geprägt werden. Eine Gegenüberstellung von „Mensch“ und „Medium“, in der Erstere Letzteres souverän nutzen könnten, greift zu kurz. Medienkompetenz muss relational gedacht und Souveränität als ein relatives Konzept verstanden werden. Daraus ergibt sich, dass Medienbildung auch bedeutet, medienkulturelle Relationen erkennen und benennen zu können.
Manipulation, Täuschung und Desinformation finden zudem nicht nur im digitalen Raum und in sozialen Netzwerken statt, auch wenn sie dort, u.a. durch Einsatz von KI, offensichtlicher zu Tage treten. Medienwissenschaft und Medienbildung verweisen auf die komplexe Verwobenheit zwischen analogen und digitalen Welten, legen die Zusammenhänge zwischen ihnen offen und stellen Instrumente für den Umgang damit bereit.
Zweitens, gehört immer auch dazu, die Geschichten der jeweiligen Medientechnologien und -praktiken zu berücksichtigen – zum einen, um sowohl die in den Mediengeschichten immer wieder auftauchenden utopischen und dystopischen Gegenwarts- und Zukunftsdiagnosen einordnen zu können; zum andern, um die historisch begründbaren Einschreibungen in Medientechnologien und -praktiken und deren Wirkkraft verstehen und reflektieren zu können. Wie die Mediengeschichte zeigt, haben Ablehnung, Verbote oder Kritik ‚neuer‘ Medien ihre Wirksamkeit letztendlich verfehlt und u. a. einer reflektierten und innovativen Medienpraxis Platz eingeräumt. Verbote in autoritären Settings, oder im Übergang zu autoritären Settings, waren und sind dagegen verhängnisvoll. Im Hinblick auf Social Media betrifft das u.a. die Verbotsdebatte als wiederkehrendes Moment von Mediengeschichten (Medienpaniken als Reaktionen auf das Entstehen neuer Medien).
Die benannten Aspekte (insb. mediale Prägung in allen Lebensphasen, Mediengeschichte als Basiswissen) stehen beispielhaft für die Notwenigkeit, medienwissenschaftliche Expertisen von den Rändern in die Mitte von Medienbildung und Medienkompetenz zu holen. Es ist aus fachwissenschaftlicher Sicht ratsam, Erkenntnisse wie die oben genannten von Beginn an in die Debatten um Social Media einzubeziehen.
Hinter dem Phänomen ‚Social Media‘ stehen ökonomische, technologische und politische Interessen. Diese Interessen verstehen, reflektieren und sich dazu verhalten zu können, ist essenziell. Im Hinblick auf die Förderung von Demokratiefähigkeit gibt es keine Altersgrenzen (vgl. die Adultismus-Debatte). Eine Altersbeschränkung von Social-Media-Zugängen ist daher kein geeignetes Instrument zur Demokratieförderung, wohl aber eine medienwissenschaftlich fundierte Medienbildung.
In diesem Kontext möchten wir die Forderung der GMK nach einer partizipativen Einbindung von Kindern und Jugendlichen als Betroffene von Regulierungs- und Verbotsmaßnahmen und als Expert*innen für ihre Lebenswelten und Medienkulturen nachdrücklich unterstützen.
Den abschließenden Forderungen der GMK schließen wir uns an und ergänzen neben der Notwendigkeit der Einbeziehung medienpädagogischer auch die Einbeziehung medienwissenschaftlicher Expertisen von Beginn an.
Autor*innen: Andreas Weich, Katja Grashöfer, Ömer Alkin, Leonie Zilch, Adrianna Hlukhovych, Sonia Campanini, Irina Kaldrack